Reisen und Corona:

Wie verwerflich ist Urlaub in der Pandemie? 

Reisen trotz Corona: Was sagt die Moral?

Ist es ok, trotz Corona zu verreisen?

Wenn man derzeit in den sozialen Medien unterwegs ist, poppt ein Thema jetzt, zur Ferienzeit, verstärkt auf: Reisen in Zeiten von Corona. Steigende Infektionszahlen in europäischen Ländern seit Öffnung der Grenzen, Infektionsherde durch Rückkehrer, Rücksichtslosigkeit à la Ballermann vor Ort – all diese Nachrichten lassen einen die Frage stellen, ob es moralisch überhaupt ok ist, in dieser Situation Urlaub zu machen. Unsere Autorin sagt: Ja, ist es – wenn wir uns an ein paar einfache Regeln halten.

Die Sache mit der Freiheit

Seit Monaten ist unsere Freiheit massiv eingeschränkt, und das mit gutem Grund – der Coronavirus ist, wie ich aus eigener Erfahrung berichten kann, einfach kein Witz, sondern verdammt real und unberechenbar. Doch der Mensch ist ein freiheitsliebendes und soziales Wesen, und sobald es leichte Entwarnung und erste Lockerungen gab, zog es ihn nach draußen, ins Leben, in die Freiheit, wie er sie kennt. So verwundert es kaum, dass seit der Öffnung der europäischen Grenzen viele die Möglichkeit wahrnehmen, ihren Urlaub nicht am See in Brandenburg, sondern an der Adria zu verbringen. Und zack, gehen die Infektionszahlen wieder hoch und es stellt sich die Frage: War es vielleicht einfach zu früh für diese Freiheit? Und: Ist der freiheitsliebende Mensch in seinem Streben einfach hoffnungslos egoistisch?

Urlaub machen = egoistisch?

Schnell wurde in der Urlaubsdiskussion aus konkreten Zahlen eine moralische Frage. Wir sehen, wie die Leute am Strand Handtuch an Handtuch liegen, und schütteln den Kopf. Wir hören, wie sich Touristen am Ballermann aufführen, und sind entrüstet. Wir lesen, dass in Barcelona draußen Masken getragen werden müssen, und ertappen uns bei dem Gedanken: Haben die nichts gelernt? Und wir neigen dazu, diejenigen, die sich ins Flugzeug gesetzt haben und anderorts die Zahlen in die Höhe getrieben haben, pauschal als egoistisch abzustempeln. Aber ich persönlich finde, damit machen wir es uns zu einfach. Denn das Problem ist vielschichtiger, als es einfach nur auf die Aussage von Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann, dass Urlaub „unangemessen“ sei, zu beschränken.

Wanderurlaub während Corona

Offizielle Erlaubnis vs. Individuelles Verhalten

Zuerst einmal: Es ist grundsätzlich offiziell erlaubt, zu reisen. Und zwar eindeutig. Das geht natürlich einher mit Regeln und Verhaltensweisen, die selbstverständlich sein sollten – aber es für manche Menschen nicht sind. Und das sorgt dafür, dass Reisende gerne mal in einen Topf geschmissen werden. Leider gibt es die Menschen, die es als Zumutung empfinden, mal für zwei Stunden eine Maske zu tragen, genauso im Regionalexpress wie im Flugzeug nach Malle. Zu Hause Urlaub machen ist also nicht unbedingt ungefährlicher. Das größere Problem als die Ansteckungsgefahr für sich selber ist, dass man andere gefährdet. Die nicht von einem so guten Gesundheitssystem, wie wir es in Deutschland, in Österreich oder in der Schweiz haben, aufgefangen werden. Bzw. dass man zum Spreader wird und dafür sorgt, dass auch unser Gesundheitssystem an seine Grenzen kommt. Und genau da müssen Reisende ihr individuelles Freiheitsgefühl hinterfragen. Denn genau da liegt der Unterschied zwischen Reisen an sich und egoistischem Reisen.

Reisen oder nicht reisen: Gehen Sie in sich

Jeder muss sich, bevor er einen Urlaub bucht, ehrlich die Frage stellen: Komme ich damit klar, dass es Einschränkungen geben wird? Bin ich bereit, auf Dinge zu verzichten – wie feiern zum Beispiel? Nehme ich in Kauf, dass ich wenn nötig in Quarantäne verweile? Bin ich vernünftig genug, meine Reise bei steigenden Zahlen zu verschieben? Und trage ich meine Maske auch bei Temperaturen über 35 Grad? Wer auf eine der Fragen mit einem „vielleicht“ oder gar „nein“ antwortet, ja, der sollte nicht nur vielleicht, sondern sicher auf seine Auslandsreise verzichten.

Reisen trotz Corona: Schöne Aussichten gibt es immer

Und apropos ehrlich. Wenn wir mal ganz ehrlich sind: Trotz der Einschränkungen ist es auf jeden Fall möglich, Kraft zu tanken, tolle Orte zu sehen, lecker zu essen und sogar mit Locals zu connecten. Jetzt halt mit Abstand, aber es ist möglich. Der Partyurlaub am Ballermann ist gerade kein Konzept, der Wanderurlaub schon. Überfüllte Orte kann man vermeiden, wenn man z. B. in der Nebensaison reist oder abseits der typischen Pfade unterwegs ist. Zu volle Strände oder Frustration über eingeschränkten Zugang zu Sehenswürdigkeiten vermeidet man, wenn man rechtzeitig plant. Und natürlich sollte man sich an die offiziellen Reisewarnungen halten, auch wenn Grenzen öffnen – es gibt diese Warnungen für Risikogebiete nicht grundlos. Kurzum: Es ist so viel möglich mit gesundem Menschenverstand und Verantwortungsgefühl. Nämlich ein toller, erholsamer Urlaub an Orten ohne Massentourismus. Denn moralisch verwerflich ist es nicht, Urlaub zu machen, sondern, sich vor Ort falsch – und ich finde, in dem Fall kann man wirklich eindeutig falsch sagen – zu verhalten. Und wenn man sich weigert davor und/oder danach einen Test zu machen.

Corona: Maske im Flugzeug tragen ist moralisch und gesundheitlich wichtig

Warum Urlaub machen nicht nur ok, sondern wichtig ist

Der Punkt ist außerdem: Kein Tourismus ist auch keine Lösung. Keiner weiß, wie lange Corona noch dauert. Die fromme Hoffnung, dass es noch dieses Jahr einen Impfstoff gibt, schwindet. Zumal keiner weiß, wie verlässlich Antikörper wirklich sind. Vielleicht wird uns Corona noch jahrelang begleiten. Ich würde von mir behaupten, dass ich es auch eine Weile aushalten kann, ohne ins Ausland zu verreisen, aber ich wohne auch in einer Wohnung mit Terrasse, im schillernden Berlin, wo man jeden Tag viele kleine Abenteuer erleben kann. Aber wie wäre es, wenn ich diesen Luxus nicht hätte? Es ist nur allzu verständlich, dass Menschen das Bedürfnis haben, ein oder zwei oder vielleicht auch drei Wochen im Jahr etwas anderes zu sehen. Mit ihren Kindern aus dem Alltagstrott raus wollen. In die Natur wollen. Und ja, natürlich kann man das auch hierzulande machen. Aber auch vor der eigenen Haustür bleibt ein Risiko. Die perfekte Variante gibt es gerade nicht.

Leerer Strand während Corona

Und für mich persönlich das Entscheidendste, vor allem, wenn man bedenkt, wie lange Corona noch unter uns sein wird: Für die Menschen in den Reiseländern steht die Existenzampel auf Rot. Ob Restaurantbesitzer, Gastgeber in Homestays, Tourguides oder Anbieter von Kochkursen: Sie alle sind auf die Einnahmen aus dem Tourismus angewiesen und wenn sie wegfallen, ist das bereits jetzt nach nur ein paar Monaten ein riesiges Problem. Wir beschweren uns, wenn wir in Kurzarbeit sind – in Vietnam oder Costa Rica gibt es sowas nicht. Wir hören jeden Tag traurige Geschichten von unseren Experten in den Reiseländern und können sie kaum unterstützen, weil uns als Reiseanbieter selber das Wasser bis zum Hals steht. Ich will damit nicht auf die Tränendrüse drücken. Sondern einfach nur daran erinnern, dass Tourismus nicht nur Vergnügen und Erholung für Reisende bedeutet, sondern auch Existenzen sichert. Darauf zu beharren, dass Reisen moralisch verwerflich ist, ist das Todesurteil für die Reisebranche und sorgt bei unzähligen Menschen für existenzielle Krisen. Wer verantwortet das moralisch?

Lokale Aktivitäten: Alle packen mit an

Reisen mit Verantwortung statt Moralkeule

Und deswegen sage ich: Reisen – Ja bitte, Ignoranz – Nein danke! 100-prozentige Sicherheit gibt es nie, kalkuliertes Risiko schon, und wer mit gesundem Menschenverstand, rücksichtsvoll, verantwortungsbewusst reist, der sollte es auch ohne schlechtes Gewissen tun dürfen. Reisen bedeutet für viele Menschen ultimative Freiheit. Doch Freiheit bedeutet nicht, dass man sein Verantwortungsgefühl an der Grenze abgeben darf und sich um nichts mehr kümmern muss. Im Gegenteil: Jetzt gilt es, woanders mindestens genauso verantwortungsvoll zu handeln wie zu Hause. Vielleicht sogar noch mehr.

Ich persönlich glaube übrigens auch, dass die Aussage, dass wir GEGEN Corona zusammenhalten müssen, nicht weit genug geht. Vielmehr müssen wir im Moment lernen, MIT Corona zu leben und dabei durchweg solidarisch zu sein. Vielleicht wird es zur Sicherheit aller Menschen manchmal unbequem, aber wir sollten es nicht als Opfer ansehen, sondern anerkennen, was wir eigentlich haben und wie glücklich wir uns schätzen können. Zum Beispiel, dass wir die Ressourcen haben, um zu reisen. Und ein Zuhause, wenn es #stayhome heißt.

Freiheit beim Reisen

Betty

Betty

Content Managerin bei Fairaway

Was Reisen für mich so besonders macht? Nicht nur die schönen Orte dieser Welt, sondern vor allem die Menschen, die dort leben und die spannendsten & bewegendsten Geschichten auf Lager haben. 

Nachhaltig und verantwortungsvoll Reisen

In der Reisebranche finden Sie immer mehr soziale Unternehmen, wie Fairaway. Für uns ist es wichtiger, einen positiven Beitrag zu einer schöneren Welt zu leisten, als Geld zu verdienen. Als soziales Unternehmen halten wir es für wichtig, dass die Menschen in den besuchten Ländern auch vom Tourismus profitieren. Dies bedeutet zum Beispiel, dass Angestellte ein angemessenes Einkommen haben, dass Reisende häufig in kleinen Hotels übernachten und Ausflüge unternehmen, die ein authentisches Erlebnis bieten. 

Reisen in Europa

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