„Nachhaltigkeit bedeutet, sich bewusst zu machen, was Entscheidungen für Folgen haben – für die Natur, für andere Menschen, für Tiere, für die eigene Gesundheit. Das ist das, was mich antreibt.“

– Christoph von CareElite –

Christoph mit seinem Buch "Nachhaltig reisen"

Interview mit Christoph von CareElite

2016 hat Christoph Schulz das Umweltschutzprojekt CareElite ins Leben gerufen – seitdem bloggt er wie ein Weltmeister, schreibt Bücher, organisiert Beach CleanUps und setzt sich auf vielen anderen Wegen für wichtige Themen wie Naturschutz, pflanzliche Ernährung, bewusster Konsum, umweltfreundliches Reisen oder plastikfreies Leben ein. Wir haben uns mit ihm anlässlich seines neusten Buchs „Nachhaltig reisen für Einsteiger“ zum Interview getroffen – und haben sofort gemerkt, dass er absolut für das brennt, was er tut. Aber lesen Sie selbst! 

Hallo Christoph! Zuerst einmal kurz das unvermeidliche C-Wort: Was denkst du, wie werden sich Reisen nach Corona verändern?

Ich glaube, dass Corona eine Riesenchance für nachhaltigen Tourismus ist. Die Menschen denken allgemein mehr darüber nach, inwiefern man Nachhaltigkeit in den Alltag integrieren kann und ich hoffe, dass sich das auch im Reiseverhalten niederschlägt. Außerdem merken gerade viele, dass man auch in Deutschland sehr gut Urlaub machen kann – nur, weil wir bisher immer die Möglichkeit hatten, wegzufliegen, heißt das nicht, dass wir das immer machen müssen. Dadurch, dass es quasi keine Alternative gab dieses Jahr, wird das den Menschen bewusster.

Wanderurlaub während Corona

Wo siehst du den Tourismus in drei Jahren – was könnte sich konkret verändert haben?

Ich kann mir vorstellen, dass man als z. B. Reiseunternehmen oder Hotelier insgesamt regionaler denkt und sich nicht mehr abhängig macht von der Möglichkeit, überall hin zu reisen. Eben so, dass eine Pandemie keine Rolle mehr spielt für den Tourismus, weil man ja regional alles haben kann.

Du betreibst CareElite seit 2016 und hast zusätzlich fünf Bücher geschrieben. Wieso hast du dich für das Buch als Medium entschieden?

Eigentlich hätte ich nie gedacht, dass ich mal ein Buch schreibe, das passierte relativ zufällig. Ein Verlag wurde durch den Blog auf mich aufmerksam und hat mir ein Angebot gemacht, das thematisch sehr gut gepasst hat. Also habe ich es angenommen, mein erstes Buch zum Thema „Plastikfrei leben“ geschrieben und dabei gemerkt, dass es mir richtig Spaß macht. Und den Lesern gefiel es auch, warum also nicht noch mehr schreiben, um mehr Menschen aufzuklären? Ich fand es sehr cool, dass dann ein Buch zum Thema Nachhaltigkeit zwischen all den anderen Büchern im Regal oder Online-Shop zu finden ist und ich dadurch etwas bewegen kann. Bei „Nachhaltig reisen“ war es genauso: Es gibt kaum Bücher zu dem Thema, aber so viel darüber zu erzählen – warum also nicht die Infos sammeln und zur Verfügung stellen. Ich kann mir auch vorstellen, dass die Leute gerade jetzt zur Corona-Zeit mehr zu Hause sind und mehr Bücher lesen. Und dann kann das Buch zum Ratgeber über Corona hinaus werden.

Konsequent Plastikfrei: Christoph von Careelite

Wie bist du auf das Thema Nachhaltiger Tourismus gekommen?

In der Anfangszeit von meinem Blog war ich selber sehr viel unterwegs. Da ging es inhaltlich noch hauptsächlich um Plastik und Plastikvermeidung, aber eben auch konkret um Plastikmüll im Meer und in der Umwelt. Ich war in Ländern wie Indien, Bali, Sri Lanka oder Thailand und habe da dann CleanUps gemacht – mal alleine, mal habe ich mich Aktionen angeschlossen. Damals kam immer wieder der Kritikpunkt: Du sammelst zwar Müll und tust damit was für die Umwelt, aber gleichzeitig fliegst du dafür viel zu viel. Das hat mich gestört, denn dafür gibt es kein Gegenargument. Ich war zwar immer länger vor Ort, z. B. drei oder vier Monate auf Bali – bin also nicht hin und hergeflogen – und habe dann täglich Aufräumaktionen gemacht, aber es blieb dabei: Ohne Flug ging es nicht. Deswegen habe ich mir viele Gedanken gemacht, wie ich vor Ort nachhaltiger sein kann. Heute fliege ich nicht mehr so viel, aber damals war das ein großes Thema.

Hast du einen Tipp für Leute, die sich auch an Aufräumaktionen beteiligen wollen?

Auf jeden Fall – man findet ganz viele Aktionen über Social Media. In der Gruppe „Nature & Beach CleanUp“ sind mittlerweile 6000 Leute und es wird täglich gepostet, wo auf der Welt ein CleanUp stattfindet, bei dem man sich anschließen kann. Das funktioniert richtig gut und man kann viele Leute erreichen, ohne dafür um die Welt zu fliegen. Weltweit aufklären, umweltfreundlich, da quasi vom Sofa aus – das ist schon ne coole Sache.

Christoph von CareElite beim Beach Clean up

Jetzt nochmal von vorne: Was bedeutet Nachhaltigkeit für dich – besonders auf Reisen?

Im Grund heißt es für mich, alles zu hinterfragen, was man im Urlaub macht. Auch z. B. die Ernährung. Das ist für mich ein Punkt, der noch relativ neu ist, davor war ich immer sehr auf das Plastikthema versteift. Aber mittlerweile weiß ich, was für einen riesigen Impact das hat, wenn man auf pflanzliche Ernährung umsteigt, es zumindest Schritt für Schritt versucht. Das ist für mich auf jeden Fall Nachhaltigkeit, dass man seine Entscheidungen, ob im Alltag oder im Urlaub, hinterfragt und sich bewusst macht, was sie für Folgen haben – für die Natur, für andere Menschen, für Tiere, für die eigene Gesundheit. Das ist das, was mich antreibt.

Schaffst du es denn selber, konsequent plastikfrei oder vegan zu reisen?

Veganer bin ich noch nicht so lang, deswegen hatte ich noch keine Gelegenheit, das auf Reisen auszuprobieren. Aber als Vegetarier war ich oft unterwegs und es kommt da wirklich ganz aufs Land an. In Kolumbien war es eher kompliziert, da dort sehr viel Fleisch gegessen wird, und „sin carne“, also „ohne Fleisch“, aus irgendeinem Grund Hähnchen ausschließt – das war lustig, da war ich am Anfang ein paar Mal erschrocken. Aber wenn man das dann weiß, kann man damit umgehen und findet immer was. Oder man kocht ab und zu einfach selber mit Zutaten vom lokalen Markt. Plastikfrei finde ich erstaunlich einfach, wenn man seine Grundausrüstung dabei hat: Nachfüllbare Wasserflasche, Jutebeutel und so weiter. Und dann muss man sich auch hier auf das jeweilige Land einstellen. Auf Bali ist Plastik ein großes Problem, aber man muss nur schnell genug sein und sagen, dass man den Apfel eben nicht in Plastik verpackt haben möchte oder keinen Strohhalm will. Dann klappt das gut. Und die App Refill Bali ist toll: Sie zeigt Auffüllstationen für sauberes Wasser an, überall gibt es Cafés und Bäckereien, die einen kostenlosen Refill anbieten.

Hast du sonst noch Empfehlungen für Apps, die das nachhaltige Reisen erleichtern?

Auf jeden Fall „Happy Cow“: Die App zeigt weltweit Restaurants mit veganen Optionen an. Und jeder User kann dazu beitragen, dass die App schlauer wird, indem er oder sie seine Entdeckungen einträgt. Find ich sehr cool – es sollte mehr so Community-based Apps in der Richtung geben, dann funktioniert das auch.

Du legst viel Wert auf den Schutz von Natur, Tieren, allgemein der Umwelt – wie sieht es mit der sozialen Komponente aus, also in Bezug auf die Menschen vor Ort?

In meinem Buch ist das auch ein wichtiger Teil, vor allem, weil ich mir darüber früher viel zu wenige Gedanken gemacht habe. Man muss sich immer fragen: Wer bekommt was? Wo landet das Geld, das ich im Urlaub ausgebe? Im All-inclusive Hotel, bei der internationalen Mode- oder Fast-Food-Kette – oder bei der lokalen Bevölkerung, indem man lokale Restaurants besucht, regional auf dem Markt einkauft, in kleinen Pensionen oder Homestays übernachtet? Man ist ja auch in einem anderen Land, um die Kultur kennenzulernen, und nicht, um nur am Strand zu liegen und dann zwölf Schritte zum Büffet zu laufen. Flexibel bleiben, Land und Leute kennenlernen, sich auf Neues einlassen, das ist es, worauf es ankommt. Zu sehen, wie überrascht auch die Locals sind, wenn man an den kleinen Stand kommt, wo es etwas gibt, was man noch nie gesehen hat, und es einfach mal ausprobiert. Und erst dann ist es auch eine Geschichte, die man erlebt. Ich kenne keine gute Geschichte, die beginnt mit: Ich war im All-Inclusive-Hotel. 😉

Lokale Küche auf Reisen probieren

Apropos gute Geschichten – was war denn deine schönste Begegnung bisher auf Reisen?

Da fällt mir sofort eine ein: Ich wollte eigentlich nur zu einem Wasserfall auf Bali wandern. Dort angekommen war da nur ein Typ, ein Einheimischer, mit dem ich ins Gespräch gekommen bin und der plötzlich meinte: Komm, wir springen den Wasserfall runter. Ich schau den Wasserfall an, ich schau ihn an, denke: Was zur … ??? und sag zu ihm aus Jux: Jaja, mach du mal zuerst. Er steht auf, läuft zwischen den Bäumen durch zum Wasserfall hoch, und springt – kopfüber! Ich hatte das Handy schon in der Hand, bereit, den Notruf zu rufen, aber dann tauchte er strahlend wieder auf, kam aus dem Wasser und meinte: Los, jetzt du! Und erzählte mir dann seine traurig-schöne Geschichte. Nämlich, dass er sich durch den Sprung eines Tages umbringen wollte, gesprungen ist, überlebt hat und dadurch neuen Lebensmut gefasst hat. Und seitdem kommt er immer wieder an den Wasserfall und macht es Leuten vor. Die Geschichte hat mich sehr berührt und auch motiviert – ich also hoch zum Wasserfall, tief Luft geholt und einfach gesprungen! Während ich fiel, merkte ich, wie der Wasserfall zu einer Stein-Rutsche wurde – verrückt. Das hat so viel Spaß gemacht und ich hatte so einen Adrenalin-Kick, so viel Lebenslust, dass ich danach mit ihm noch eine 17-Meter-Klippe runtergesprungen bin – hätte ich sonst niemals getan. Wir haben uns noch lange unterhalten, er war so ein herzlicher, authentischer Mensch und so voller Energie, das hat mich richtig umgehauen. Und genau sowas, so eine Begegnung, so ein Über-sich-heraus-Wachsen erlebt man nicht, wenn man nur am Strand liegt. Vielmehr sollte man rausgehen, an versteckte Orte mit wenig Touristen, und sich einfach auf die Menschen einlassen. Das ist für mich der Moment, für den es sich lohnt, zu reisen.

Wasserfall auf Bali

Da bekommt man ganz schön Fernweh – und Lust auf das Buch! Wem würdest du es denn empfehlen?

Zum einen Menschen, die schon in das Thema Nachhaltigkeit reingeschnuppert haben und das gerne aufs Reisen übertragen würden, und zum anderen auch absoluten Einsteigern. Denn jeder verreist mal, und das Buch ist einfach ein guter Ratgeber, um auch unterwegs mal nachzulesen – wie war das mit den Souvenirs und wie hieß die Gruppe für CleanUps? Aber auch alle, die bereits nachhaltig reisen, können noch was rausziehen. Zum Beispiel Empfehlungen für Reiseziele.

Einblicke ins Buch

Hast du selber noch was gelernt, während du das Buch geschrieben hast?

Auf jeden Fall! Zum Beispiel, wie man die Menschen vor Ort unterstützt – mir war vorher nicht so bewusst, was man da für einen Einfluss hat. Und auch so kleine Dinge wie mit den Souvenirs: Viele Produkte werden in Ostasien mit viel CO2-Ausstoß produziert, dann einmal um die Welt verschifft, um am Ende für 50 Cent verkauft zu werden und zu Hause im Müll zu landen. Das macht einfach keinen Sinn, und schafft auch keine bleibende Erinnerung. Wenn man hingegen auf dem Markt eine Figur kauft, die extra geschnitzt wird, man eine Stunde dort wartet und sich währenddessen mit der Person unterhält, dann hat man eine emotionale Verbindung. Und wenn das dann 20 oder 30 Euro kostet, ist es das auch wert und man denkt  Jahre später noch daran, was man in der Situation gefühlt hat, auf diesem Markt, und welche Person und Geschichte dahinter steht. So etwas scheinbar Kleines macht einen riesigen Unterschied.

Gibt es noch etwas, was du unseren Lesern mitgeben willst?

Ja, zwei Dinge. Zum einen: Seid euch eurer Privilegien bewusst. Ihr gehört wahrscheinlich zu den 10 Prozent auf der Welt, die – finanziell gesehen – fliegen können. 90 Prozent der Menschen können das nicht. Und die 10 Prozent sorgen für einen massiven CO2-Ausstoß und dafür, dass die Lebensbedingungen – Dürre etc. – in den Ländern der 90 Prozent noch schlechter werden. Und zum anderen: Wenn ihr reist, dann nutzt die Gelegenheit, auch die Menschen vor Ort aufzuklären. Viele fragen: Wieso sammelt der Touri Müll? Erklärt, warum Plastikmüll gefährlich ist. Für die Natur, aber auch für den Tourismus und letztendlich das Standbein der Menschen vor Ort. Jeder muss umdenken – und ehrliche, respektvolle Gespräche sind das beste Mittel dafür.

Warum Sri Lanka? Ein Highlight sind die herzlichen Einwohner

Nachhaltig und verantwortungsvoll Reisen

In der Reisebranche finden Sie immer mehr soziale Unternehmen, wie Fairaway. Für uns ist es wichtiger, einen positiven Beitrag zu einer schöneren Welt zu leisten, als Geld zu verdienen. Als soziales Unternehmen halten wir es für wichtig, dass die Menschen in den besuchten Ländern auch vom Tourismus profitieren. Dies bedeutet zum Beispiel, dass Angestellte ein angemessenes Einkommen haben, dass Reisende häufig in kleinen Hotels übernachten und Ausflüge unternehmen, die ein authentisches Erlebnis bieten. 

Nachhaltig reisen

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